Was ist ein Trauma? Wie entsteht es?

In meiner täglichen Arbeit begegne ich  häufig diesen beiden Fragen und gebe hier gerne Antworten darauf. Der Begriff Trauma ist für viele Menschen etwas, das sie auf sich gar nicht anwenden, weil sie damit weit entfernte und gravierend tragische Dinge verbinden. Andere hingegen verwenden den Begriff zunehmend inflationär und bewerten alltägliche Dinge vorschnell als “traumatisch”. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Zu erkennen, dass man selbst posttraumatischen Stress in sich trägt, kann eine enorme Erleichterung sein. Es ist wie ein Puzzle, das sich plötzlich zusammenfügt und alle “seltsamen” Symptome erklärbar macht. Manchmal lohnt sich deshalb ein Blick zurück…

“Wann spricht man von einem Trauma?”

Kurze Antwort:

Der Begriff Trauma stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich übersetzt „Wunde“.
Gemäß dem Wörterbuch Duden wird es weiterführend definiert als:

›   „Durch Gewalteinwirkung verursachte Verletzung des Organismus“ (Medizin).
  „Starke psychische Erschütterung, die [im Unterbewusstsein] noch lange wirksam ist (Medizin, Psychologie).

Hinweis: In diesem Beitrag geht es ausschließlich um das psychisch erlebte Trauma.

 

Antwort für den tiefer Interessierten: 

Im derzeitigen Verständnis wird dafür ein Ereignis vorausgesetzt, das katastrophalen Charakter für den Betroffenen hat und das er in Folge nicht angemessen verarbeiten kann. Die entstandene Stress-Energie bleibt dabei im Körper gebunden und kann sich nicht auf natürliche Weise ausreichend entladen. Eine mangelhafte Bewältigung kann später zu anhaltenden Reaktionen im gesamten Organismus führen und wird in Verbindung mit entsprechenden Symptomen als „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) diagnostiziert.

Nicht jedes schlimme Erlebnis führt jedoch automatisch zu einer PTBS. Jeder Mensch hat seine einzigartige seelische Immunkraft und wie bei der körperlichen Immunabwehr, kann sie stark oder schwach sein. Entscheidend ist also auch, wie der Mensch vor dem Ereignis gelebt hat und was er an seelischer Stabilität mitbringt. So kann beispielsweise ein überwältigendes Erlebnis im Erwachsenenalter zunächst als „akute Belastungsreaktion“ erlebt werden und bei guter Bewältigung ohne Folgestörung bleiben.

Ein Trauma im psychischen Sinn weist gemäß der gültigen Diagnoserichtlinien die folgenden klar definierte Symptome auf:

» Symptome aus der klinischen Diagnose

›   Beginn der Symptome innerhalb weniger Wochen bis 6 Monate nach dem Ereignis.
  Anhaltendes Wiedererleben der Situation und sich aufdrängende Erinnerungen.
  Albträume und Reaktion auf Auslösereize (Trigger).
  Innere Bedrängnis in Situationen, die der erlebten ähneln, oder mit ihr in Zusammenhang stehen.
  Vermeidungsverhalten und sozialer Rückzug mit Suizidgefahr.
  Anhaltende körperliche Folgen wie: Hyperarousal (chronische Übererregtheit), Schlafstörungen.
  Reizbarkeit, Wutausbrüche, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Schreckhaftigkeit.
  Folgen wie Depressionen, Zwänge und Angststörungen sind möglich.
  Bei adäquater Unterstützung kann eine Heilung erwartet werden.
  Unbehandelt ist eine Chronifizierung in einen jahrelangen Zustand möglich.


» Es gibt verschiedene Formen von Traumata

Nicht jedes traumatisierende Ereignis hat dieselben Auswirkungen auf Menschen und jedes benötigt eine etwas andere Art der Behandlung. Deshalb unterteilt man Trauma grob in zwei große Formen. Bei der genauen Diagnose spielt es auch eine große Rolle, zu welchem Zeitpunkt, in welcher Häufigkeit und Schwere und unter welchen Umständen ein schlimmes Ereignis stattgefunden hat.  So genannte man-made-Traumata beispielsweise wirken anders auf den Organismus als Trauma durch höhere Gewalt (Naturkatastrophen).

Die Unterteilung erfolgt somit in:

  • Typ I = Mono / Schocktrauma
    Hier handelt es sich um meist kurzfristiges und einmaliges Geschehen.  Dazu  gehören beispielsweise Ereignisse wie

(einmalige) sexualisierte Gewalt
(kurzfristige) körperliche Gewalt
kriminelle Gewalt in Form von Überfällen oder Attentaten
(schwere) Unfälle
erlebte Naturkatastrophen
 Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit

  • Typ II = Komplextrauma und Entwicklungstrauma
    In dieser Kategorie finden sich Betroffene, die wiederholt und langfristig schlimme Ereignisse erlebt haben, wie z.B. :

(wiederholte) Misshandlung (auch in der Kindheit)
(wiederholte) Gewalt (auch in der Kindheit)
(wiederholte) sexualisierte
Gewalt (auch in der Kindheit)
Gewalt und sexualisierte Gewalt in der Partnerschaft (psychisch und physisch)
schwere Vernachlässigung in der Kindheit
anhaltend erlebte Gewalt (Folter) in politischen Systemen oder Kriegen

» Weitere Beispiele für Unterformen von Trauma:

   “Tätertrauma” – Täter von Gewalttaten sind durch ihre eigenen Handlungen traumatisiert.
   “Sekundärtrauma” – durch das Bezeugen schrecklicher Dinge (Augenzeugen, Retter, Behandler)
    Alle Formen von Trauma rund um die Geburt (Schocktrauma für Baby und Mutter)
   “Transgenerationales Trauma” – Weitergabe von Trauma an die nächste Generation


“Wie entsteht ein Trauma? Was passiert da?”

Kurze Antwort:

Ein als überwältigend schlimm erlebtes Ereignis kann nicht erfolgreich abgeschlossen und damit verarbeitet werden. Die zugefügte Wunde bleibt “offen” und hat dadurch nachfolgend starke Auswirkungen auf den betroffenen Menschen.

 

Antwort für den tiefer Interessierten:

Bei einem heftig schlimmen Ereignis geschieht eine ganze Menge im Körper, was anschließend zu einer Trauma-Folgestörung führen kann! Angesichts großer Gefahr – nehmen wir einen bewaffneten Überfall – aktiviert der Körper Kampf- oder Fluchtmechanismen, und erhöht mithilfe von Hormonen und Impulsen das Nervensystem maximal „bis zum Anschlag“. Kann sich der Mensch in der Situation nun erfolgreich wehren oder kann er rechtzeitig fliehen, wird er wahrscheinlich mit einem ordentlichen Schrecken davonkommen. Die aktivierten Stresshormone werden dabei auf gesunde Weise abgebaut und das Geschehen kann nach angemessener Zeit verarbeitet werden. In den allermeisten Fällen wird dann kein Trauma im obigen Sinne zurückbleiben.

Ist ein Mensch jedoch einer Übermacht hilflos ausgeliefert und unfähig zu Kampf oder Flucht, verläuft die Sache meistens anders. Die empfundenen Emotionen durch die Überwältigung aktivieren nun zusätzliche, ganz besondere Abläufe im Nervensystem. Wie eine elektrische Sicherung, die sich bei Überlastung einfach abschaltet um schlimmeren Schaden abzuwenden, gerät auch unser Gehirn in eine Art Abschaltmodus: die „Dissoziation“.

Einerseits ist das gut… Andererseits verbleibt in diesem Fall aber die hochgefahrene Stressenergie weitgehend im Körper und kann sich nicht entladen. Dieser Zustand wird deshalb auch oft als „Freeze” bezeichnet, weil es wie eine Art von „Einfrieren“ von motorischer Energie ist. Kann der Betroffene auch später das Geschehen nicht ordentlich verarbeiten und das hohe Stresslevel durch natürliche Mechanismen wie z.B. Zittern oder gelenkte Abreaktion ausleiten, wird sich in Folge viel wahrscheinlicher der Zustand entwickeln, den wir mit Trauma bezeichnen. Der Körper bleibt dann in seinem Nervenkostüm angeschlagen und verwundet. In diesem Fall sprechen wir von einem Trauma und nachfolgend von einer Traumafolgestörung.

» Dissoziation – schützender Kunstgriff des Gehirns!

Die so genannte Dissoziation ist also das Notfallprogramm eines Menschen, wenn Flucht oder Kampf in einer gefährlichen Situation nicht möglich sind und Gefühle unaushaltbar werden. Das vegetative Nervensystem fährt dabei in eine Art „abgeschalteten” Zustand, was manchmal sogar bis hin zu einer totalen Abspaltung des akuten Geschehens führt. Dieser Zustand bewirkt ein starkes „in-sich-Gekehrt-sein“, das äußere Reize wirkungsvoll abschirmt und sie anschließend aus dem Alltagsbewusstsein verdrängt. Erlebt ein Mensch starke Gewalt oder überwältigende Dinge, die sein derzeitiges Fassungsvermögen übersteigen, taucht er durch diesen Kunstgriff in einen Zustand des „nichts-mehr-Spürens“. Spezielle Hormone werden aktiviert und Schläge, Schmerzen oder überwältigende Gefühle können den Betreffenden dann nicht mehr in voller Härte treffen.

Betroffene beschreiben diesen Zustand häufig als eine Art Wolke oder Glocke, in der sie sich befunden haben und die Außenwelt nur noch bedingt wahrnahmen, bis die Gefahr einigermaßen vorüber war. Traumatische Inhalte werden manchmal sogar gar nicht mehr erinnert und durch eine “dissoziative Amnesie” vom bewussten Gedächtnis getrennt. Das erklärt z.B. auch, warum Menschen nach einem Unglück ein totales Black-out erleben oder andere fast keine Erinnerung an ihre Kindheit haben.

Dissoziation kann also in Momenten hoher Gefahr temporär auftreten. Kritisch wird es, wenn sie bei andauernder Belastung zur chronischen Bewältigungsstrategie wird, um schmerzliche Gefühle anhaltend zu vermeiden und Teil der Persönlichkeit wird. Besonders bei Kindern kann sich das als ungewollter Mechanismus bei jeder Art Belastung automatisch einstellen und bis ins Erwachsenenalter hinein persistieren. Solch ein Mensch taucht häufig ab in eine Art Tagtraum, wirkt dadurch abwesend, „nicht voll da“ oder desinteressiert am aktuellen Leben und hat es schwer, zwischenmenschliche Nähe zuzulassen.

In jedem Fall ist diese Form der “Verarbeitung” mangelhaft und schädigend für das Nervensystem und ist daher allgemein schwächend für den Betroffenen. Er findet nicht (mehr) in seine „volle Kraft“ und ist verhindert, am Leben freudig aktiv teilzunehmen.


“Wie kann ich ein Trauma verarbeiten?”

Kurze Antwort:

Das Geschehen muss im Nachhinein verarbeitet werden. Das kann allein geschehen, wenn der Mensch mental sehr stark ist oder mit fachkundiger Hilfe, wenn die eigene psychische Kraft damit gerade überfordert ist.

Antwort für den tiefer Interessierten:

Die Herangehensweise hängt von einigen Faktoren ab.

  • Waren Sie vor einem Mono-Ereignis (Typ I) ein glücklicher und geborgener Mensch mit guten sozialen Kontakten und einer zufriedenstellenden Arbeit, haben Sie wahrscheinlich starke innere Bewältigungsmöglichkeiten. Fördert und verstärkt man diese durch gezielte Unterstützung wie eine gute Traumatherapie, sind die Chancen sehr hoch, dass Sie alles gut verarbeiten können. Es ist günstig, mit der Behandlung recht schnell zu beginnen, damit die Symptome sich gar nicht erst chronisch einnisten können. Kontaktieren Sie einen Arzt Ihres Vertrauens und suchen Sie sich anschließend eine Therapie Ihrer Wahl aus. Ich selbst bevorzuge ein Trauma-fokussiertes Verfahren um auch die Stressenergie auszuleiten, aber in erster Linie muss es natürlich zu Ihrem Typ passen.
  • Sind Sie eher dem Traumatyp II zuzuordnen und Ihre seelischen Verletzungen sind anhaltend geschehen, sehr früh in der Kindheit oder auch nachhaltig in engen Beziehungen? Dann sollten Sie besonders aufmerksam die Art der Traumatherapie auswählen. Meist sind hier Verfahren angezeigt, die auch ohne große Worte auskommen und die Verarbeitung dadurch möglichst schonend verlaufen kann. Der Therapeut sollte auch Erfahrung haben mit Komplextrauma und der Taktik der chronischen Dissoziation und sehr umsichtig damit umgehen können. Ich habe erlebt, dass “nur” Gespräche hier oft nicht die beste Wahl sind, aber natürlich muss das aber jeder für sich selbst herausfinden. Ihre erste Anlaufstelle ist in der Regel ein Arzt Ihres Vertrauens. Dieser kann Ihnen die Möglichkeiten aufzeigen und gemeinsam mit Ihnen nach einem geeigneten Verfahren schauen.
übrigens….

Sollten Sie keinen kassenbezahlten Therapieplatz in einem nahen Zeitrahmen finden, steht Ihnen immer die Möglichkeit offen, in privatem Rahmen eine Therapie zu starten. Wenn der richtige Zeitpunkt da ist, werden Sie es nie bereuen, in Ihre eigene Gesundheit und Ihr Lebensgefühl zu investieren. In einer privaten Praxis mit der genau passenden Therapiemethode brauchen Sie  auch oft weniger Termine, als Sie denken! (Mehr Tipps finden Sie auch im Artikel Antworten rund um die Traumatherapie.)


Haben Sie weitere Fragen?

Gerne weise ich auf die anderen Artikel hin, die sich auf Themen rund um Trauma beziehen. Wie meine eigene Art der Arbeit mit Trauma ist, können Sie auch auf den Seiten EMDR-Therapie und EFT-Klopfakupressur nachlesen.

Für Ihre persönlichen Fragen stehe ich in einem Gespräch zur Verfügung. Selbst wenn Sie nicht zu mir in Behandlung kommen möchten, kläre ich Sie gerne weitergehend auf. Es ist mein persönlicher Beitrag an diese Welt, traumatische Folgen zu behandeln und auch darüber aufzuklären.

Sich selbst besser zu verstehen kann schon der erste Schritt in Richtung seelischer Gesundheit sein!

Herzlichst,

Regina Herzog-Visscher

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Herzlichen Dank für diesen Beitrag. Zu erkennen, dass man ein Trauma erlitten hat, ist das eine. Zu wissen, dass es gute und heilende Hilfe gibt, ist das andere. Das offene Angebot, über Trauma und seine Folgen zu informieren, selbst wenn der/die Ratsuchende sich für einen anderen Therapeuten entscheidet, ist großherzig und ganz wunderbar. Jeder Mensch hat es verdient, gesehen und geheilt zu werden. Danke also, wie gesagt, für diesen informativen und wichtigen Beitrag – und danke darüber hinaus für die Wertschätzung den Menschen gegenüber.

    Antworten
    • Regina Visscher
      April 5, 2019 8:14 pm

      Liebe Frau D.R. Herzlichen Dank für Ihren Besuch und für Ihre Worte! Es macht mir Freude,in diesem Feld zu arbeiten – und wenn es so wertschätzend kommentiert wird, dann umso mehr 🙂 DANKE

      Antworten

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